HIVESOUND weiß, wie glückliche Bienen summen
Wie klingt ein gesundes und zufriedenes Bienenvolk? Das Startup HIVESOUND weiß das und kann mithilfe künstlicher Intelligenz das Summen der Insekten analysieren. Mit seiner App liefert es zudem der Imkerei ein wertvolles Werkzeug für die Digitalisierung einer traditionsreichen Form der Landwirtschaft.
Die Varroamilbe gilt als der gefährlichste Feind der Honigbiene. Der Befall mit dem zu den Spinnentieren gehörenden Parasiten kann zum Sterben ganzer Bienenvölker führen. Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Forschung intensiv mit den Ursachen und der Bekämpfung dieser Bedrohung, schließlich leisten Bienen einen wesentlichen Beitrag zur Bestäubung für Menschen nützlicher Pflanzen. Eine in Australien initiierte Studie fand heraus, dass die Frequenz der Summgeräusche der Insekten Rückschlüsse auf deren Gesundheitszustand zulässt.
Ausgangspunkt war ein Uni-Projekt
Der Wirtschaftsinformatiker Kevin Kraus erfuhr im Rahmen eines fächerübergreifenden Projekts an der Uni Hamburg von diesem Forschungsergebnis. Schon da wurde ihm bewusst, dass sich daraus für einen Imker interessantes Serviceangebot entwickeln ließe, verfolgte die Idee aber zunächst nicht weiter. Das änderte sich, als Kevin auf einer Hochzeitsfeier mit dem Software-Experten Julian Obrecht darüber sprach und die beiden den Entschluss fassten, aus der Idee ein Startup zu machen: HIVESOUND. Dritte im Bunde wurde die Biologin Dr. Michelle Maurer, die mit ihrem Fachwissen die Tech-Kompetenz der beiden Gründer gut ergänzte. Inzwischen ist Michelle allerdings bei HIVESOUND ausgestiegen und verfolgt andere berufliche Ziele.

Erstmals öffentlich in Erscheinung trat HIVESOUND durch die Teilnahme am Ideation Programm des AI.STARTUP.HUB. Beim abschließenden Graduation Pitch im Oktober 2023 belegte HIVESOUND gemeinsam mit doctorderma den ersten Platz bei der Publikumsabstimmung. Offensichtlich sorgte die Tatsache, dass sich der Zustand eines Bienenvolkes anhand des Summens feststellen lässt, für hohe Sympathiewerte und einen Überraschungseffekt.
HIVESOUND auf dem Weg zum Erfolg
Das Prinzip funktioniert nicht nur bei der Erkennung eines Milbenbefalls. Abweichungen von der Normalfrequenz – 300 Hertz – lassen sich auch bei anderen externen Stressfaktoren, dem Tod der Königin oder einem bevorstehenden Ausschwärmen feststellen. In Extremsituation kann die Frequenz auf bis zu 2.000 Hertz ansteigen. Um diese Veränderungen zu messen, braucht es spezielle Sensoren, die übrigens auch die Temperatur im Bienenstock messen. Die ist unabhängig von den Außenbedingungen relativ konstant, ein gesundes Bienenvolk funktioniert da wie ein einziger Körper. Eine Abweichung ist daher ebenfalls ein Warnsignal, ähnlich wie Fieber bei Menschen. HIVESOUND ist ein Software-Startup und baut diese Sensoren nicht selbst, das übernimmt das mittelständische Unternehmen microsensys aus Erfurt.

Das Jahr 2024 war für HIVESOUND mit einer Reihe von Erfolgen verbunden. Dazu gehören die Förderung durch ein EXIST-Gründerstipendium, der Gewinn des Hamburg Innovation Award in der Kategorie IDEE im September und des Gründungspreis des Bundeswirtschaftsministeriums beim Digital-Gipfel im Oktober. Zudem drangen Kevin und Julian noch tiefer in die Materie ein. Zum einen begannen sie selbst mit der Imkerei und konnten schon den ersten Honig ernten, zum anderen führten sie viele Gespräche mit Imkern. Laut einer im September 2022 veröffentlichen Studie des Bundeslandwirtschaftsministeriums gibt es in Deutschland rund 135.000 von ihnen und sie bewirtschaften über 950.000 Bienenvölker. Etwa 99 Prozent betreiben die Imkerei als Hobby. Echte Großbetriebe wie in manchen europäischen Ländern üblich gibt es bei uns kaum.
Was Imker leisten und was sie brauchen
Verantwortungsvolle Imker leisten einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft und beuten die Tiere nicht aus. Sie bieten ihnen Schutz und attraktive Standorte und entnehmen als Gegenleistung den Honig. Verhungern müssen die Bienen deshalb nicht. Sie erhalten als Ersatznahrung Zucker und haben sich in den Waben zudem einen Pollenvorrat angelegt, der unangetastet bleibt. Eher überschätzt wird die Bedeutung der Imkerei für den Artenschutz. Die dort überwiegend eingesetzte Westliche Honigbiene ist trotz diverser Bedrohungen eine der am weitesten verbreiteten Insektenarten. Gefährdet sind dagegen zahlreiche Wildbienenarten, die ebenfalls wichtige Bestäubungsarbeit leisten, aber nicht für die Honigerzeugung geeignet sind.

Gestartet ist HIVESOUND mit der Idee, das Summen der Bienen mithilfe künstlicher Intelligenz zu analysieren und daraus Handlungsempfehlungen für Imker zu erstellen. Im Laufe der Recherchen stellte sich aber heraus, dass der Digitalisierungsbedarf in der Imkerei viel umfassender ist. Die neueste Version der App, deren Launch für April geplant ist, wird deshalb viele weitere Funktionen enthalten. Kernelement ist dabei ein sprachbasierter Assistent, der das Aufzeichnen und Auswerten aller Arbeitsabläufe beim Imkern übernimmt. Außerdem erstellt er im Nachgang eine individuelle Dokumentation für jedes besprochene Volk. In einer früheren Version mussten die Informationen noch per Hand eingegeben werden, die Fortschritte bei der Sprachverarbeitung durch KI macht das jetzt überflüssig. Als externe Informationen kommen beispielsweise Daten über das Wetter und den Blütenstand relevanter Pflanzen hinzu.
Die bereits erwähnten Hobby-Imker bilden eine Zielgruppe, die einerseits stark fragmentiert ist, aber auch gut vernetzt. HIVESOUND setzt daher darauf, dass sich der Nutzen der App schnell herumspricht. Dank eines abgestuften Tarifmodells soll sich die Anschaffung schon ab einem Bienenstock rentieren. Für die Skalierung konzentriert sich das Startup vorerst auf den deutschsprachigen Raum. Bedarf besteht aber definitiv in anderen Ländern, wo die Imkerei zum Teil deutlich stärker verbreitet ist. Zurzeit ist HIVESOUND ein Zwei-Mann-Unternehmen, in dem beide Gründer in Vollzeit arbeiten. Julian lebt in Leipzig, kommt aber regelmäßig nach Hamburg. Sollten sich Investoren finden und der erhoffte kommerzielle Erfolg einstellen, gehört eine Vergrößerung des Teams zu den ersten Maßnahmen. Wobei bei einem Unternehmen dieser Art das Team dann vielleicht „Schwarm“ heißen sollte.