ChargeHolidays macht Reisen nachhaltiger
Fliegen oder lieber nicht fliegen – das ist wohl die meistgestellte Frage, wenn es um nachhaltiges Reisen geht. Dabei kann auch die Wahl des Hotels einen großen Unterschied machen, wenn es um Kriterien wie soziale Gerechtigkeit oder Umwelt- und Klimaschutz geht. Das Startup ChargeHolidays hilft dabei, mit gutem Gewissen auf die nächste Reise zu gehen.
Eine weitgereiste Gründerin

Schon als Schülerin hat sich Lilith Diringer intensiv mit der Nachhaltigkeitsthematik beschäftigt. So hat sie an mehreren Wettbewerben teilgenommen und 2017 einen Preis bei JUGEND GRÜNDET gewonnen. Schon damals ist sie viel in der Welt herumgekommen. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in der Nähe von Karlsruhe, hat sie zunächst in Dresden und später in Denver studiert. Sie hat auch in Washington und New York gearbeitet und für ein paar Monate als Englischlehrerin im chinesischen Chongqing. Auf ihren Reisen hat sie häufig in Hotels übernachtet und sich immer wieder die Frage gestellt, wo nachhaltig und sozialverträglich es dort eigentlich zugeht.
Warum gibt es die Marmelade beim Frühstücksbuffet nur in diesen kleinen Plastikverpackungen? Wo kommt der Strom her, aus dem Kohlkraftwerk oder einer Solaranlage? Wurde beim Hotelbau auf Umweltverträglichkeit geachtet und wird das Personal fair bezahlt? Manche Reisende werden darüber vielleicht vor Ort nachgedacht haben, aber in den seltensten Fällen schon bei der Planung. Schließlich sind solche Informationen nur selten zu bekommen und noch seltener auf den Webseiten der Hotels.
ChargeHolidays ist ein Unternehmen in Verantwortungseigentum
Hier kollidiert also der durchaus vorhandene Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit beim Reisen mit Zeitmangel und Bequemlichkeit, und so bleibt es meist bei der CO₂-Kompensation bei Flugreisen, wenn überhaupt. Damit wollte sich Lilith aber nicht zufriedengeben, also begann sie 2019, sich intensiver mit einer möglichen Lösung zu beschäftigen. Zugute kam ihr dabei die Teilnahme an Förderprogrammen, bei denen sie ihre unternehmerischen Kenntnisse vertiefte und ihre Ideen auf Realisierbarkeit abklopfen konnte. Mitte 2020 stand das Grundkonzept und für eine konkrete Umsetzung benötigte sie einen Informatiker, der erforderliche Software erstellen konnte.

Sie fand ihn in Jeroen Trzaska, der ebenfalls in Dresden studierte und mit ihr die Leidenschaft für Akrobatik und Cheerleading gemeinsam hat. Ursprünglich stammt er aus Buxtehude, weshalb ihr Startup ChargeHolidays auch seinen Firmensitz in dem Städtchen in der Nähe von Hamburg hat. Die offizielle Gründung datiert auf den September 2021, genauer gesagt, die Unterzeichnung der Vereinbarungen mit der Purpose-Stiftung. ChargeHolidays firmiert zwar als klassische GmbH, versteht sich aber als Unternehmen in Verantwortungseigentum. Das heißt unter anderem, dass Gewinne ausschließlich im Unternehmen bleiben und dort reinvestiert werden und eine Unabhängigkeit gegenüber Investoren und anderen externen Stakeholdern gewahrt bleibt.
Es gibt über 150 Nachhaltigkeitssiegel
Zum Jahresbeginn 2022 war dann die erste Version von ChargeHolidays auf dem Markt. Im Mittelpunkt stand und steht die Beurteilung von Reiseangeboten anhand von Nachhaltigkeitskriterien. Anhaltspunkte dafür gibt es reichlich, es existieren mehr als 150 Gütesiegel aus diesem Bereich, anerkannt vom Global Sustainable Tourism Council. Das erleichtert nicht gerade die Übersichtlichkeit, weshalb ChargeHolidays die wichtigsten Kriterien für Reiseunterkünfte in sieben Kategorien gebündelt hat: Verbrauch & Abfall, Wasser & Energie, Transparenz & Bildung, Mobilität, soziale Nachhaltigkeit, Architektur & Materialien und Lebensmittel & Pflege. In seinen Ausprägungen wird kein Hotel dem anderen gleichen, Vergleichbarkeit ermöglicht ein Durchschnittswert auf einer Skala von 1 bis 10. In einer „Traumfänger“ genannten Darstellung in Form eines Netzdiagramms lässt sich zudem schnell erkennen, wo die Stärken und Schwächen liegen.

Die für die Auswertung erforderlichen Informationen liegen bei größeren Ketten dank der Zertifizierungen für die Nachhaltigkeitssiegel in der Regel bereits vor. Für kleine, unabhängige Hotels hat ChargeHolidays einen Fragebogen mit 130 Fragen entwickelt, der auch Anregungen für Verbesserungen enthält. Inzwischen lassen sich rund 15.000 Unterkünfte direkt über die Webseite oder App finden. Alternativ kann man auch bereits gebuchte Reisen auf ihre Nachhaltigkeit überprüfen und gegebenenfalls optimieren. Für den Nachwuchs gibt es den Reisedetektiv-Club, der Kindern nachhaltiges Reisen spielerisch näherbringt.
ChargeHolidays steht erst am Anfang seiner Reise
Zwischen 300 und 400 Nutzende erreicht ChargeHoliday mittlerweile pro Monat, und das Geschäft wird zunehmend internationaler. Ausschließlich davon leben kann das Gründungsduo davon aber noch nicht. Multitalent Lilith verdient zusätzlich Geld als Künstlerin, Jeroen in seinem Spezialgebiet als Programmierer. Wachstumspotenzial sieht das Startup unter anderem bei Geschäftsreisenden beziehungsweise deren Arbeitgebern, die ihre Klimabilanz aufbessern wollen. Auch das Hotelangebot ist weiter ausbaufähig, momentan liegt der Schwerpunkt auf Städten in Europa. Um noch mehr Hotels für das Thema zu sensibilisieren, plant ChargeHoliday zudem Nachhaltigkeits-Workshops. Wo die Reise hingeht bei dem Startup, wird sich zeigen. Lohnende Ziele hat es jedenfalls genug.
Foto und Grafik, wo nicht anders angegeben: ChargeHolidays